Welche Art von Literatur liest du gerne? Was stört dich, was motiviert dich?
Ich lese gerne Literatur, bei der ich etwas lernen kann, über die Welt, aber auch über mich selbst. Literatur, die allein zum Zwecke der Unterhaltung geschrieben wurde, interessiert mich nicht, weil sie an dem vorbeigeht, was für mich gute Kunst und Literatur ausmacht: Reibungsflächen schaffen, die richtigen Fragen stellen, einen aus den Angeln heben, verstören. Diesbezüglich hat sich über die Jahre hindurch so etwas wie ein persönlicher Kanon bei mir gebildet: Louis Ferdinand Celine, Danilo Kiš, Miloš Crnjanski, Jorge Louis Borges, Thomas Bernhard, Peter Handke, Franz Kafka, Arno Schmidt, Sylvia Plath, Christine Lavant, Marie Therese Kerschbaumer, Ilse Aichinger.
Was mich sehr stört, ist die Selbstgefälligkeit mancher Kolleg*innen, die meinen, sich einem Markt oder einer Mode anbiedern zu müssen, um viele Bücher zu verkaufen. Der Markt schafft dort Konkurrenzen, wo es eigentlich keine geben sollte: in der Kunst, in der Literatur, in der Bildung.
Und mich spornt gerade diese Tatsache an: dass ich in der Lage bin, diesem Markttreiben etwas entgegenzusetzen mit meinem Schreiben, aber auch mit meiner Einstellung gegenüber der Literatur an sich. Ich verstehe die Literatur als wechselseitiges Spiel, in dem Institutionen wie Literaturhäuser, Schulen, Universitäten gemeinsame Sache machen mit Schriftsteller*innen, Verleger*innen, Leser*innen, nur leider werden diese Möglichkeiten der gemeinsamen Arbeit immer weniger genutzt, deshalb lesen die Leute auch immer weniger. Aus diesem Grund haben wir auch vor sieben Jahren die Literaturzeitschrift mosaik gegründet, in der wir neben deutschsprachigen Autor*innen auch internationale Beiträge publizieren, u.a. auch aus Rumänien in deutscher Übersetzung.
Hast du irgendwelche rumänische Autoren entdeckt, die du gerne ins Deutsche übersetzt sehen möchtest?
In unserer Letzten Ausgabe der Zeitschrift mosaik hatten wir Texte von Krista Szöcs abgedruckt, einer rumänischen Dichterin, von der ich sicherlich noch mehr in deutscher Sprache sehen möchte. Letztes Jahr hatte ich die Gelegenheit, Claudiu Komartin kennenzulernen, einen äußerst umtriebigen Dichter aus Rumänien, von dem zwar ein Band in deutscher Sprache schon vorliegt, jedoch ein zwei Bände mehr sicherlich niemanden schaden würden.
Was ist deiner Ansicht nach relevant für die deutsche Lyrikszene?
Da ich nicht in Deutschland lebe, sondern in Österreich, jedoch gut vernetzt bin mit vielen Lyriker*innen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum, werde ich versuchen, diesen zu umreißen. Was natürlich ins Auge sticht, ist die Tatsache, dass die Lyrikszene sehr überschaubar ist. Einige wenige Protagonist*innen haben es vielleicht in die großen Feuilletons geschafft, ein nicht zu verachtender Teil jedoch nicht. Und gerade dieser Teil ist die treibende Kraft der Lyrikszene im deutschsprachigen Raum. G13 – ein Lyrikkollektiv aus Berlin – ist da ein gutes Beispiel, wie eine Szene um Gleichgesinnte stetig wachsen und sich weiterentwickeln kann. Was diese Szene auszeichnet, ist der rege Austausch mit Institutionen, kleineren Lyrikverlagen und länderübergreifenden Literaturinitiativen wie etwa das Projekt Babelsprech, das seit Jahren deutschsprachiger Lyrik, aber auch Lyrik aus Slowenien, Rumänien, der Niederlande, usw. einen Raum zum Austausch gibt. Ja, die Verkaufszahlen sind überschaubar, es werden pro Lyrikband im Durchschnitt um die 500 bis 1000 Bände verkauft, was bei einer derart riesigen, potentiellen Leser*innenschaft in deutscher Sprache eher mager ist, dennoch findet im unmittelbaren Dunstkreis dieser überschaubaren Szene Großartiges statt. Es wird viel diskutiert, sowohl Politisches als auch Handwerkliches, es wird verlegt, gelesen, performt und mit anderen Formen experimentiert. Und, obwohl mir sicherlich manche Lyrikverleger*innen hierin widersprechen würden, werte ich die relative Unabhängigkeit der Lyrikszene vom Literaturmarkt als Vorteil, da Geld sehr schnell die Wahl der zu druckenden Texte korrumpieren kann. Marktkonformität tötet langsam das Lesen von Prosa und Sachbuch, die Lyrikfans bleiben!
Liegt dir die balkanische Literatur näher? Oder gibt es andere Kulturen, die dich anziehen?
Als jemand, der im Balkan aufgewachsen ist, sind mir sicherlich manche balkanische Narrative, die für deutschsprachige Ohren vielleicht kitschig oder pathetisch klängen, näher. Ich empfinde es als Vorteil, in beide Richtungen schauen und auf eine größere Bandbreite an Traditionen zugreifen zu können, mitunter einer der Gründe, wieso ich auch jiddische Literatur studiert habe. Europa ist ein bodenloses Fass an Geschichten, Ansätzen, Traditionen, Eigenheiten – ein riesiges Experimentierfeld an Möglichkeiten, die wir jedoch gar nicht bzw. sehr selten nutzen. Stattdessen flüchten wir uns in nationale Banalitäten, obwohl wir doch von unseren Nachbarn und ihren Eigenheiten am meisten lernen können. Ich wirke dem entgegen, indem ich versuche, ein Stück balkanischer Kultur und Eigenheit in die deutsche Sprache zu bringen, andersrum empfinde ich es als Segen, wenn ich etwas aus dem Deutschen der serbo-kroatischen Sprache näherbrächte. Nur in dieser Wechselwirkung können wir Kultur und somit auch unseren Nachbarn verstehen, Kultur als etwas Heterogenes, als Wellen auf ihrer Reise von einem Ufer zum nächsten, ohne Wertung und Vorurteil. Leider ist Neugier immer mehr ein rares Gut.
Wenn du eine Figur in einem Buch sein könntest, welche wäre die? Warum?
Ich wäre gerne Ferdinand Bardamu aus Celines Die Reise ans Ende der Nacht, weil in seinem Hass auf die Menschen und diese Zeit während des Ersten Weltkriegs und danach eine grundehrliche Haltung ausgedrückt wird, die ich so in nur sehr wenigen Werken der Weltliteratur gelesen habe. Und gerade heute, wenn die Armen immer ärmer werden und die Reichen immer reicher und schamloser und ekelhafter, brauchen wir jemanden wie Bardamu, der nicht die Welt von außen betrachtet, sondern den Schlamm auch selber schluckt, bevor er ihn auf die Welt auskotzt. Die Menschen brauchen Reibungsflächen, brauchen negative Beispiele, um zu lernen, wie es nicht gemacht gehört, und wir brauchen diese Reibungsflächen in der Kunst, sonst droht uns wieder das, was uns schon immer gedroht hat: der Krieg der Armen gegen die noch Ärmeren, während die Kinder der Reichen und Privilegierten sich genüsslich auf ihren fetten Ärschen ausruhen können.
Gibt es irgendwelche poetische Sprachbarrieren?
Poesie selbst ist eine Sprachbarriere, die zu überwinden (oder auch eben nicht zu überwinden) Aufgabe des Auges und des Verstandes ist. Ich verstehe Poesie als Schule des Sehens, Lesens und Nachdenkens, die selbstverständlich auch in der Übersetzung ihre Legitimation bekommt. Als Poet flechte ich die berühmten Celanschen Sprachgitter, ich stelle sozusagen Hürden in den Weg meiner Leser*innen, die diese jedoch gerne überwinden wollen. Es sollte kein Widerwille gegenüber der Poesie vonseiten der Leser*innen herrschen, sonst braucht man keine Poesie lesen. Poesie lesen bedeutet für mich: die Lust an der Hürde, an der Höhe, dem Berg, dem Weg, dem Augenblick, da die frische Luft oben einen fast erschlägt.