Name: Cristina Ispas
Geburtsdatum: 29.08.1979
Geburtsort: Corabia
Derzeitiger Wohnort: București
Veröffentlichungen: fetița. mixaj pe vinil(Vinea, 2007), Rezervația(Casa de pariuri literare, 2011)
Zum Inhalt: Das Fragment stammt aus einem Roman, der den Titel
Wochenendmenschen haben könnte. Der Titel (im Original:
Oameni de weekend) stammt aus einem Zyklus meines Lyrikbands
Rezervația (
Rezervat). Es geht um ein Mädchen, das einerseits zwar introvertiert ist, andererseits aber unsterblich verliebt in die Welt. Ich habe eine Szene aus ihrer Jugend ausgewählt, in der ein Morgen beschrieben wird, an dem die Großeltern des Mädchens erfahren haben, dass in der Nacht zuvor in der Nähe der Diskothek, in die auch ihre Enkelin gegangen war, ein junges Mädchen ermordet worden ist. Ich habe diese Passage ausgewählt, weil sie eine ganz besondere Stimmung vermittelt.
Handelnde Personen: Moni und Eugen sind Freunde der Hauptfigur, Mondo ist ihr Bruder und die anderen gehören zur „Clique“.
Ins Deutsche übersetzt von Julia Richter
WOCHENENDMENSCHEN
Opa beruhigte sich schließlich und ließ auch Oma mal zu Wort kommen. Sie war diplomatischer und fing an, mich zu fragen, ob ich dieses Mädchen denn kennen würde. Als hätte ich in der Nacht im Traum sehen sollen, wer dieses Mädchen war. Dann fragte sie weiter, ob mir nachts irgendwas aufgefallen sei und dann, mit wem und wann ich eigentlich nach Hause gekommen sei, und schließlich sagte sie, siehst du, wie gefährlich es ist, nachts so herumzulaufen und sie drohte mir, dass sie mit meinem Vater sprechen würde, und dass das alles nur die Schuld meiner Mutter sei und am Ende, dass ich ein bisschen weißen Käse essen soll mit Tomaten und Pastete.
Da war ich dann schon richtig wach.
Während man „mit mir sprach“, gelang es mir, näher zum Brunnen zu kommen und mir direkt mit dem Eimer Wasser ins Gesicht zu schütten. Ich konnte es kaum noch erwarten, zu Moni und Eugen zu gehen, um zu erfahren, was sie wissen. Auch Mondo wäre gut gewesen, erstmal, aber er war nirgends zu sehen. Wahrscheinlich streunte er wieder irgendwo herum mit seinen verpeilten, gleichaltrigen Freunden.
Bis er acht oder neun Jahre alt war, bekam man ihn kaum vom Hof. Er werkelte den ganzen Tag an irgendeinem Spielzeug, kramte in allen Winkeln, spielte alleine und kam nur selten, um zu zeigen, was er gebastelt hatte oder um zu sehen, was die anderen in der Zwischenzeit gemacht hatten. Und wenn er mal raus kam, behandelten ihn alle wie einen Prinzen. Mit acht oder neun aber begann er herumzustreunen. Er schnappte sich eine Truppe von Freunden, sie liefen durch das gesamte Dorf, gingen zum Wald oder zum See oder stromerten in der ehemaligen Produktionsgenossenschaft herum – man wusste eigentlich nie, wo sie gerade waren.
Manchmal schleppte ich ihn auch mit in die Disco. Er döste auf den Stühlen, ohne sich für irgendetwas zu interessieren. Und er trank auch nichts. Er langweilte sich einfach fürchterlich. Am Anfang hatte sich Mondo wenigstens noch für das Discolicht interessiert und es gab dann zuhause sogar einen Nachbau mit Spiegelsplittern, die auf meinen Globus geklebt waren.
Ich hatte keinen Hunger, obwohl ich seit fünfzehn Stunden nichts gegessen hatte. Ich nahm mir trotzdem ein bisschen Käse, eine Scheibe Pastete und eine Scheibe Tomate, damit sich meine Oma nicht noch mehr aufregte, und dann tat ich so, als würde ich mich auf die Schaukel setzen, bin aber durch den Zaun zu Moni rüber. Zum Glück war ihre Mutter im Hof, so dass ich nicht rufen musste. Moni war nicht zuhause. Sie war zu ihrer Oma gegangen, also musste ich zum Tor hinaus, um auf Eugen zu warten.
Ich traute mich nicht, vor seiner Tür zu rufen, ich traute mich das überhaupt nur selten. Nicht, dass seine Leute nicht ok waren oder etwas gesagt hätten, ich war es einfach nicht gewohnt, an Eugens Tür zu rufen.
Ich war es auch nicht gewohnt, auf seinem Hof die Zeit totzuschlagen. Es dauerte also ziemlich lange bis er endlich die Güte hatte aufzutauchen – ebenfalls mit einer Scheibe Brot mit Käse und Tomate in der Hand. Aber er wusste auch nicht mehr als ich. Es war nur die Alte zuhause und die war nur einmal zur Tür gegangen und hatte vage etwas erfahren, vielleicht sogar von meinem Opa.
Inzwischen war auch Moni von ihrer Oma gekommen und hatte sich zu uns gesellt. Sie hatte einen Beutel voll Aprikosen und ich zögerte nicht zuzugreifen. Und während wir Aprikosen aßen, erfuhren wir, was sie in Erfahrung gebracht hatte.
Offenbar ging es um ein Mädchen aus Ploiești, deren Eltern sich gerade hatten scheiden lassen. Es war der erste Sommer, in dem sie mehr Zeit bei der Oma mütterlicherseits verbrachte, die aus Corneţeni war. Keiner von uns wusste bisher, wie sie hieß, und so waren wir nicht sicher, ob wir sie kannten oder zumindest schon einmal gesehen hatten. Wir wussten, dass Sandus Freundin aus Ploieşti war, aber keiner von uns brachte das miteinander in Verbindung. Moni hatte ein Problem mit Lupu, einem Schlägertypen aus unserer Straße, und war der Meinung, dass er der Mörder gewesen sein könnte, so ein Schwachkopf wie er war. Mir erschien Lupu – abgesehen davon, dass er wirklich ein Schwachkopf war und ziemlich pathetisch – eher harmlos.
Zum Beispiel hatte letzten Sommer endlich auch bei uns im Dorf jemand eine Diskothek eröffnet. Weil unsere Jungs aber eifersüchtig waren auf die aus Corneţeni, weil sie sich vorstellten, dass die ihnen die Mädchen „wegnahmen“ und ihnen immer auf dem Rückweg auflauerten, um sie zu verprügeln – das war Lupus Idee gewesen – gingen die Mädchen lieber weiter in die Diskothek nach Corneţeni. Und die Disco in unserem Dorf machte wieder zu.
Lupu gehörte einfach zum berühmtesten Schlägerclan des Dorfes. Er war der Jüngste der Familie. Mich störte am meisten, dass sie es als einzige im Dorf nicht schafften, ihre Hunde daran zu hindern, draußen herumzustreunen. Vor allem weil sie auch aggressiv waren, so oft wie sie geschlagen wurden. Aber ich hätte sie nicht als Mörder bezeichnet, jedenfalls nicht in dem Sinn. Das heißt, ich hätte ihnen zugetraut, dass sie jemanden betrunken im Streit niederstechen, aber nicht, dass sie ein junges Mädchen ermorden. Auch wenn mein ganzes Wissen über Verbrechen und Verbrecher aus Filmen stammte. Vor längerer Zeit hatte es sogar bei uns im Dorf mal ein Verbrechen gegeben. Ein Mann hatte seinen alten Vater erstochen, aber das waren Familienangelegenheiten, das war etwas anderes.
Als Eugens Leute zurückkamen und auch meine Oma mich zum Essen rief, als hätte noch irgendjemand von uns Hunger, nachdem wir ein paar Aprikosenkerne geknackt hatten, ging ich genauso unwissend nach Hause wie ich gekommen war.
Ich bat meine Oma, dass ich die Suppe weglassen kann. Ich stocherte ein bisschen im zweiten Gang herum, es war etwas mit grünen Bohnen und viel Knoblauch, ich aß das ganze Fleisch und zwei, drei Gabeln Salat, dann stand ich auf und wollte mich ein bisschen hinlegen.
Ich zog die Vorhänge vor, machte es ganz dunkel im Zimmer und ich nahm mein Buch mit ins Bett. Richtige Lust zum Lesen hatte ich keine, wollte mich aber auch nicht meinen Gedanken vollends hingeben, denn mir war klar, wohin das geführt hätte. Ich las ungefähr eine Viertelstunde ohne irgendetwas zu verstehen und machte schließlich die Augen zu.
Ich hatte die Augen noch nicht richtig geschlossen, als das unangenehme Gefühl von außen wieder über mich kam. Dazu kam, dass ich mit offenen wie mit geschlossenen Augen das Gefühl hatte, das Bett mit einer Toten zu teilen, auch wenn ich nicht mal ein Gesicht vor Augen hatte. Mir ging einfach diese Vorstellung von Leichenstarre nicht aus dem Kopf.
Nach nicht mal einer Viertelstunde hatte ich es satt, ging raus und suchte mir einen Platz im Garten, nachdem ich noch einen Umweg durch den Hühnerauslauf gemacht hatte. Ich pflückte mir ein paar Kirschen in einen Eimer, eher, damit ich beim Lesen etwas zu tun hatte und obwohl ich bereits die Erfahrung gemacht hatte, dass das nicht gut war und ich auch zu dem Entschluss gekommen war, keine Kirschen zu essen beim Lesen. Man musste sich immer die Hände abwischen, um keine Flecken ins Buch zu machen.
Ich setzte mich unter das Fenster auf einen der platteren Steine, die wir im Winter dazu verwendeten, das sauer eingelegte Gemüse im Bottich unten zu halten. Ich hatte mir auch einen kleinen Läufer mitgebracht. Im Garten schien wenigstens noch ein bisschen frische Luft zu gehen. Blumen gab es aber fast keine mehr. Zwei drei weiße Rosen, deren Blüten am Rand schon langsam vertrockneten.
Dort las ich dreißig oder vierzig Seiten, dann wurde Opa wach und dann auch Oma. Ich nahm den Läufer und versteckte mich im Weinberg unter dem Aprikosenbaum.
Ich hatte mich genau neben einen Ameisenhaufen gesetzt, und da ich nicht mehr lesen konnte, spielte ich mit ihnen. Es gab immer wieder eine, die mit letzter Kraft ein Stück vertrocknetes Obst auf ihrem kaputten Rücken schleppte und so half ich ihr, den Weg zu finden und schneller in die Löcher der heißen Erde zu kriechen. Ich machte so gut ich konnte sauber um den Haufen herum, aber dann dachte ich, dass das, was ich als Unordnung angesehen hatte, für sie Essen war. Und plötzlich musste ich an die ganze Clique in Corneţeni denken, vielleicht auch aus Frust, nicht dort zu sein, jetzt, wo etwas so Ungewöhnliches geschehen war.
Ich erinnerte mich an den Sonntag, an dem ich mit Moni nach Corneţeni gegangen war, um eine ihrer Tanten zu besuchen. Wir hatten die Jungs gesehen, die Fußball spielten im Tal, auf einem Feld mit lauter Löchern neben dem Brunnen. Alle waren da: Edi, Adrian, Sandu, Leo, sogar Cristi und Fabian, und die Mädchen, Ileana, Antoaneta und so weiter. Ich fühlte mich ein bisschen verraten von Cristi und Fabian als ich sie dort so ohne uns sah, denn mir gefiel es, den Eindruck zu hinterlassen, sehr eng mit den Leuten zu sein, und sie waren aus unserem Dorf und wir kannten uns auch schon lange, seit der Kindheit und so. Ich habe Moni zu ihrer Tante geschickt und ich blieb, um in Ruhe die Gruppe zu analysieren. Es war gut, dass ich von oben gucken konnte.
Adrian war am meisten beim Spiel dabei. Er war praktisch überall auf dem Feld, ging immer voller Spannung in die Zweikämpfe, lief immer bis zum Torwart, vergaß immer abzuspielen, versuchte immer alles im Alleingang zu machen.
Sandu dagegen blieb unbeteiligt, spielte lange Pässe und schoss von der Mitte des Feldes zum Tor. Man sah, dass er versuchte mit dem Kopf zu spielen, zeigen wollte, dass er eine Technik hatte.
Edi war wie immer. Er spielte nach Lust und Laune, machte mal einen Sprint, schoss mal aufs Tor oder spielte ab, dann wieder unterhielt er sich mit einem aus seiner Mannschaft oder einem der Gegenspieler und nahm ihn auf den Arm. Cristi spielte gar nicht, sondern stand am Rand bei den Mädchen. Da waren noch zwei Mädchen, die ich gar nicht kannte und ein paar Typen aus Corneţeni, die ich nur vom Sehen kannte.
Der ganze Tag war mir verhagelt, denn am Ende konnten wir doch nicht widerstehen und gingen runter, um mit ihnen zu reden. Dass wir plötzlich auftauchten, schien seltsam zu sein und irgendwie zu stören. Es war als kämen wir direkt vom Mond oder aus einem Paralleluniversum. Edi umarmte mich sofort, aber irgendwie ließ er all seine Schwere auf mir ab, was mich total wütend machte. Ich hätte ihn am liebsten abgeschüttelt und ihn möglichst mit dem Fuß in den Bauch getreten, aber ich ließ ihn einfach stehen und kam mir immer noch lächerlich vor. Er stammelte noch irgendwelche Dummheiten und ging dann an den Rand, unterhielt sich mit den anderen und das war es. Sandu war Sandu, stumm und desinteressiert wie immer. Die Mädchen dagegen störte es ganz offensichtlich, dass wir da waren. Cristi irritierte mich mit seinen fragenden Blicken, die nach Tratsch suchten: „Was läuft da mit Dir und Edi?“ und Adrian, der einzige, der etwas freundlicher und ok war, entschuldigte sich sofort nach dem Spiel, dass er es sehr eilig habe und weg müsse.