
Nikolaus Heidelbach: Arno und die Festgesellschaft mit beschränkter Haftung | © Beltz & Gelberg
Gegensätze kennzeichnen die deutschsprachigen Kinder- und Jugendliteratur des Jahres 2016. Verschwenderische Opulenz im künstlerischen Bilderbuch und Sachbuch behauptet sich neben kargem Realismus gesellschaftlicher Grenzsituationen im erzählenden Kinder- und Jugendbuch. Philosophische Gedankenflüge und Sprachkunst in neu belebter Kinderlyrik ergänzen die unterhaltsame und erlebnisreiche Suche nach sich selbst im Dschungel multikultureller Lebensfülle. Erneut erschienen zirka 9.000 Titel mit vielen internationalen Übernahmen für die junge multimedial aufwachsende Lesergeneration.
In Bilderbüchern ist die Kinderliteratur ganz bei sich selbst. Information und Weltdeutung in verschwenderischer Ausstattung offerieren Peter Schössow mit einem Trip ins Universum Krankenhaus („Wo ist Oma?“) und Nikolaus Heidelbach mit seinem überbordenden Kindergeburtstag, einem Varieté der Lebensfreude („Arno und die Festgesellschaft mit beschränkter Haftung“). Jürg Schubiger und Eva Muggentaler fügen eine verschmitzte Bilderbucherzählung des bösen Prinzips in bad-boy-Gestalt hinzu („Tausend Dummheiten“). Thorben Kuhlmann verfolgt die detailreich-humorvolle Variante des instruktiven Bilderbuchs („Armstrong“). Und auch Michael Rohrer erzählt in dem Bilderbuch „Der Fluss“ für Auge und Verstand von einer Gleichung: Wasser ist Leben.
Als Teil deutscher Kinder- und Jugendliteratur endlich akzeptierte Graphic Novels arbeiten mit Künstlern wie Isabel Kreitz (Kästner „Das doppelte Lottchen“ klassische Kinderbücher auf, wagen auch bisher unbearbeitete Themen und Tabubrüche wie Sarah Barczyks Geschichte eines jungen Transsexuellen j („Nenn mich Kai“).
Verse und Lieder kennzeichnen Kindheit. Bestseller werden sie nicht, erleben aber neuen Aufschwung. Arne Rautenberg, preisgekrönter Lyriker, schreibt oft und absichtsvoll heitere und hintergründige Gedichte für Kleine („Unterm Bett liegt ein Skelett“). Die Kindertexte der nicht aus dem Gedächtnis weichenden Mascha Kaléko (1907-1975) zeugen vom wieder erkennbaren Berliner Lebensgefühl („Träume, die auf Reisen führen“).
Im Vergleich zu www-Daten punkten Sachbücher mit Üppigkeit, verantwortungsvoller Didaktik und dem Mut zur ganzheitlichen Darstellungsweise schwieriger Zusammenhänge. Ataks Requiem auf die ausgerottete Wandertaube („Martha“), vermittelt rationale und emotionale Werte des Naturschutzes. Das Wasser als (Über-)lebenselement, Meere und Ozeane, Tiefsee als unerforschte Lebensräume gehören zu den Themen der Teams Anke M. Leitzgen/ Andrea Bockelmann („Erforsche das Meer“) David Hettich/ Tom Dauer („Die Ozeane“).
Zum zentralen Thema und Prüfstein des Kinder- und Jugendbuches aber wurden Flucht, Asyl und das Ankommen in oder die Begegnung mit Schutz Suchenden aus einer fremden Kultur. Autoren unterschiedlicher Generationen, Herkunft und politischer Grundhaltung setzen Zeichen. Kirsten Boies deutsch-arabisch zu lesender fiktiver Fluchtbericht („Bestimmt wird alles gut“) informiert und spendet Trost. Peter Härtling („Djadi“) und Manfred Theisen („Checkpoint Europa“) geben Flüchtlingsjungen aus dem nahen Osten eine Stimme. Julya Rabinowichs Protagonistin („Dazwischen Ich“) vermittelt nicht nur für die Familie, sondern auch für Leser zwischen der Herkunfts- und Ankunftskultur. Mehrmousch Zaehri Esfahans Kindheitserinnerungen aus dem Iran der siebziger Jahre („33 Bogen und ein Teehaus“) gehört zur wachsenden Anzahl der authentischen Asyl- und Flüchtlingsliteratur in deutscher Sprache.
Identitätssuche Heranwachsender spiegelt Zeitgeist, Lebensgefühl und Jugendkultur wider. Mit psychologisch fundierten Phantastik erzählt Brigitte Schär, wie ein Mädchen sich auf die Rolle der großen Schwester vorbereitet („Lisa, Paul und Frau Fisch“). „Dunkelgrün wie das Meer“ ist Linns von Ute Wegmann inszenierte Stimmungslage in Sommerferien voller Zweifel an Freundin und Mutter. Das bunte Kaleidoskop von Text und Bild in Annette Herzogs und Katrine Clantes 12 Episoden aus der Welt eines vorpubertären Mädchens („Pssst“) entspricht sowohl dem Seelenzustand der respektlos-heiter vor sich hin quasselnden Viola als auch den ästhetischen Erwartungen ihrer Leserinnen.
Flüchtlingserfahrungen des vietnamesischen Vaters und ihr Leben zwischen den Kulturen bestimmen die mit Empathie und Poesie grundierten Suche der Tochter nach sich selbst („Im Jahr des Affen“).von Que Du Luu Tamara Bach lässt das Mädchen Beh mit fremdem Blick nach Krankheit und Ferien an nur einem, nämlich dem ersten Schultag den Unterschied zwischen ihren kindlichen Erwartungen und der Wirklichkeit erkennen („Vierzehn“). Mit Nils Mohls Abschluss seiner dreibändigen Saga um Jugendliche aus einer Hamburger Hochhaus-Siedlung („Zeit für Astronauten“) werden seine hoch gelobten Jugendromane über Desillusionierung und neuer Freiheit zur verlässlichen Milieu-Studie, in der das coming of age Lebensgefühl und Literaturgattung vereint.
Sozialkritisch betrachtet, verlässt die deutschsprachige Kinder- und Jugendliteratur 2016 die Komfortzone des letzten Jahrzehnts, das ihr mit Aktionen zur Leseförderung ungeahnte Zuwächse erlaubte. Schaut man aber auf Kreativität und Innovation, kann sie angesichts der neuen gesellschaftlichen Herausforderungen nur gewinnen.
Copyright: Goethe-Institut, Birgit Dankert (Januar 2017)
Autorin:
Birgit Dankert rezensiert seit 30 Jahren Kinder- und Jugendliteratur in der Wochenzeitung „Die Zeit“. Die Professorin lehrte bis zu ihrer Emeritierung Bibliotheks- und Informationswissenschaften an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg.
Literatur:
Atak: Martha. Die Geschichte der letzten Wandertaube. Hamburg: Aladin Verlag 2016. 32 S. 19.95 Euro. (ab 6 Jahren)
Bach, Tamara: Vierzehn. Hamburg: Carlsen Verlag 2016. 112 S. (ab 14 Jahren)
Barczyk, Sarah: Nenn mich Kai. Köln. Egmont Graphic Novel 2016. 80 S. 14,99 Euro (ab 14 Jahren)
Boie, Kirsten; Hassanein, Mahmoud: Bestimmt wird alles gut. Leipzig: Klett Kinderbuch 2016. 48 S. 9,95 Euro (ab 6 Jahren)
Du Luu; Que: Im Jahr des Affen. Hamburg: Carlsen 2016. 288 S. 16,99 Euro (ab 14 Jahren)
Härtling, Peter: Djadi, Flüchtlingsjunge. Weinheim: Beltz Verlag 2016. 116 S. 12,95 Euro (ab 10 Jahren)
Heidelbach, Nikolaus: Arno und die Festgesellschaft mit beschränkter Haftung. Weinheim: Beltz Verlag 2016. 64 S. 29,95 Euro (ab 6 Jahren)
Herzog, Annette; Clante, Katrine (Ill.): Pssst! Wuppertal: Hammer Verlag 2016. 96 S. 14,00 Euro (ab 10 Jahren)
Hettich, David (Fotos); Dauer, Tom (Text): Ozeane. Ravensburg: Ravensburger Verlag 2016. 57 S. 39,90 Euro (ab 10 Jahren)
Kaléko, Mascha; Müller, Hildegard (Ill.): Träume, die auf Reisen führen. Gedichte für Kinder. München: Deutscher Taschenbuchverlag 2016. 168 S. 16,95 Euro. (ab 8 Jahren)
Kreitz, Isabel: Erich Kästner, Das doppelte Lottchen. Hamburg: Dressler 2006. 112 S. 19,99 Euro (ab 9 Jahren)
Kuhlmann, Torben:: Armstrong: Die abenteuerliche Reise einer Maus zum Mond. Zürich: NordSüd Verlag 2016. 128 S. 19.99 Euro (ab 6 Jahren)
Leitzgen, Anke M.; Bockelmann, Andrea: Erforsche das Meer. Kinder entdecken Küsten und Meere. Weinheim: Beltz Verlag 2016. 160 S. (ab 8 Jahren)
Mohl, Nils: Zeit für Astronauten. Reinbek: Rowohlt Verlag 2016. 423 S. 14,99 Euro (ab 15 Jahren)
Rabinowich, Julya (2016): Dazwischen: Ich. München: Hanser Verlag 2016. 256 S. (ab 13 Jahren)
Rautenberg, Arne; Budde, Nadia (Ill.): Unterm Bett liegt ein Skelett. Gruselgedichte für mutige Kinder. Wuppertal: Hammer 2016. 48 S. 10,90 Euro (10,90 Euro) (ab 5 Jahren)
Rohrer, Michael: Der Fluss. Wien: Jungbrunnen 2016. 36 S. 14,95 Euro (ab 4 Jahren)
Schär, Brigitte; Rassmus, Jens (Ill.): Lisa, Paul und Frau Fisch. Wuppertal: Hammer Verlag 2016. 80 s. 13,90 Euro (ab 6 Jahren)
Schössow, Peter: Wo ist Oma? Zu Besuch im Krankenhaus. München: Hanser 2016. 64 S. 17,00 Euro (ab 6 Jahren)
Schubiger, Jürg; Muggenthaler, Eva (Ill.): Tausend Dummheiten. Wuppertal: Hammer Verlag 2016. 32 S. 15,90 Euro (ab 6 Jahren)
Theisen, Manfred: Checkpoint Europa: Flucht in eIn neues Leben. München: cbt Verlag 2016. 288 S. (ab 12 Jahren)
Wegmann, Ute; Schössow, Birgit (Ill.)): Dunkelgrün wie das Meer München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2016. 80 S. 12,95 Euro (ab 7 Jahren)
Zaehri-Esfahan, Mehrmousch: 33 Bogen und ein Teehaus. Wuppertal: Hammer 2016. 146 S., 14,90 Euro (ab 13 Jahren)