Dies ist ihr erster Besuch in Rumänien, seit sie das Land vor mehr als 30 Jahren verlassen hat. Eine Woche vor den Literaturtagen haben wir sie in Bukarest zu einem Gespräch über ihre eigene Geschichte, ihren Zugang zu Sprachen und was beides für ihre Arbeit bedeutet, getroffen.
————————————————————————————————————————————————
Leonhard Schmitt: Du bist zum ersten Mal, seit du mit deinen Eltern Anfang der 80er nach Deutschland ausgewandert bist, wieder in Rumänien. War es schwierig für dich, diese Reise anzutreten?
Yvonne Hergane: Bukarest ist keine große Überwindung, weil es für mich eine fremde Stadt ist — da ist die Angst eher gering. Auch wenn ich mich sehr darauf freue, wird es mit der Reise zu den Literaturtagen nach Reșița anders sein. Da kenne ich auch von früher jeden Stein. Wenn man als 14-jährige verpflanzt wird und je länger die Zeit dann vergeht, desto schlimmer wird es im Endeffekt, weil man vor dem Angst hat, was daraus geworden ist: Vor dem Gedächtnis, der Geschichte, die man sich selber baut, ob die wirklich zu finden und verifizierbar ist.
LS: Diese Erfahrung beschäftigt dich auch in der Arbeit an deinem neuen Roman „Mutter-Miniaturen”, die Geschichte von vier Generationen zwischen Rumänien und Deutschland. Finden sich auch hier Anleihen aus deiner eigenen Geschichte und der Geschichte deiner Familie?
YH: Tatsächlich ist es kein autobiographischer Roman, aber meine eigene Geschichte mütterlicherseits ist eben sehr parallel. Viele der Ereignisse sind tatsächlich faktisch orientiert an meiner eigenen Familiengeschichte. Aber natürlich nehme ich mir dann auch die Freiheit Dinge zusammenzubringen, die natürlich nicht so stattgefunden haben, oder die anders stattgefunden haben. Dinge anders zu verorten, in der Zeit oder in der Geographie zu verschieben.
Der gemeinsame Nenner des Romans ist dabei das Muttersein und erzählt wird die Geschichte von vier Frauen, die genau das eint. Dass sie unabhängig von geschichtlichen Verwicklungen, von persönlichen Katastrophen, von Fluchtgeschichten, von was auch immer, eine Sinnhaftigkeit finden in diesem Muttersein. Dass es Dinge gibt, die wichtiger sind, die größer sind, die überdauern und unabhängig davon, wo man lebt, wie man lebt und was da im Hintergrund geschichtlich abläuft.
LS: Stellst du bei der Arbeit an deinem Roman fest, dass sich die eigenen Erinnerungen während des Schreibens verändern?
YH: Es ist schon spannend, wie sich das dann verselbstständigt. Am Ende ist es überhaupt nicht mehr wichtig, was biographisch tatsächlich ein Faktum war und was nicht. Das ist dann auch der rote Faden dieses Buches, dass Erinnerung etwas ganz tückisches und willkürliches ist. Unser menschliches Gehirn ist ja kein VHS-Rekorder, der alles aufzeichnet und nach Bedarf so wiedergibt, wie es passiert ist. Man lässt Dinge weg, man fügt Dinge hinzu und bringt Dinge zusammen, die sonst gar nicht zusammengehören.
LS: Dein Vater ist aus Rumänien geflohen, bevor du mit deiner Mutter 1982 ausgereist bist. Wie erinnerst du dich an die Atmosphäre vor der Ausreise?
YH: Also ich glaube das war dieses Heimliche. Man wusste, dass viele Dinge die man denkt, oder die man sagen will, nicht gesagt werden dürfen. Und dieses Schizophrene eines öffentlichen und eines privaten Lebens, das man eben nur in der Familie ausüben konnte. Ich glaube das macht was mit Menschen.
LS: Denkst du diese Atmosphäre führt auch zu einer sprachlichen Selbstzensur?
YH: Ja, auf jeden Fall hallt es nach. Wir wussten immer genau, auch schon als Kinder, was man sagen darf und was nicht. Dadurch nimmt man sich dann automatisch immer mehr zurück. Diesen jugendlichen Überschwang, den man als Teenager hat, dass man die Welt verbessern will, dass man den Finger auf Wunden legen will — das Rebellische, das hatte man da einfach nicht zu machen.
Und ich kann mich erinnern wie ich, als ich nach Deutschland kam und begann mich für den Tierschutz einzusetzen, meine ersten Protestkarten und Protestbriefe nicht mit meinem Namen, sondern mit „eine Tierfreundin” unterschrieben habe. Also aus heutiger Sicht völlig bescheuert: Nein, du kannst deinen Namen nicht angeben, weil sie können dir ja einen Strick draus drehen.
Dass ich meine Meinung sagen darf und auch muss, und dazu ohne Angst stehen kann, war etwas, was ich später mühsam lernen musste.
LS: Aber du hast ja schon in Rumänien als Kind angefangen Gedichte zu schreiben. Hast du das Schreiben schon dort als einen besonderen Raum wahrgenommen? Dass man mit kreativen Mitteln einen Ausdruck finden kann, der eben nicht zensiert ist.
YH: Ich habe eigentlich schon immer Gedichte geschrieben und natürlich beeinflusst da die Resonanz, die man bekommt. Also ich weiß, dass meine Grundschullehrerin ein Gedicht - ein Herbstgedicht - an eine Zeitung geschickt hat. Ich glaube „Rakete” oder „Junge Rakete”. Die hat eine Strophe von meinem Gedicht abgedruckt. Da war ich in der ersten Klasse und natürlich Stolz wie Bolle. Aber es war ein Herbstgedicht, etwas harmloses, politisch völlig neutrales. Das wurde natürlich geduldet, sogar gefördert. Das zweite Gedicht, was später dann veröffentlicht wurde, war ein Ausflug zu den Hochöfen von Reșița. Im Prinzip ein Loblied auf die Heimatstadt und auf das Vaterland.
Sogar als Kind merkt man schon, dass da eine ganz merkwürdige Diskrepanz in den Köpfen ist. Etwas wird gelobt und für gut befunden, weil es einen Inhalt und nicht, weil es eine literarische Form oder eine Sprache transportiert. Gelobt wurden die Sachen, die das Vaterland verherrlichten, alles was politisch willkommen und erwünscht war. Ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen, etwas Unerwünschtes zu schreiben als Schriftsteller oder überhaupt als schreibender junger Mensch.
Da bedeutet es schon etwas, sich als Künstler diese Freiheit zu nehmen, die Dinge so zu gestalten wie man will und auszusprechen und zu formulieren. Oder eben auch bei Kinderbüchern völlige Wortneuschöpfungen zu basteln. Das ist aber auch etwas, was Spaß macht. Ich hab schon als kleines Kind gereimte Bilderbücher geliebt. Ich kann mich daran erinnern, dass „Ciopârțilă” von Tiberiu Utan mein allerliebstes Kinderbuch war. Den konnte ich in- und auswendig. Das war so ein kleiner Junge, der ständig mit Scheren und Messern durch die Gegend läuft und alles zerschnippelt und ich habe als kleines Kind eben auch alles zerschnippelt und da ich weder ein Instrument beherrsche, noch Noten lesen kann, ist das wahrscheinlich meine Art, Musik zu machen. Mit Lauten und mit Worten zu spielen.
LS: Hat die rumänische Sprache bisher eine konkrete Rolle für deine schriftstellerische Tätigkeit gespielt?
YH: Ja, auf jeden Fall. Das Rumänische hat ja auch ganz andere literarische Traditionen. In Kinder und Jugendbüchern hat man ja ganz andere Genres als im Deutschen. Deutschland ist ja sehr von skandinavischen Kinderbüchern geprägt, zum Beispiel Astrid Lindgren. Ich kannte die als Kind überhaupt nicht, die gab es nicht. Hier gab es die Tradition des Märchenerzählens. Das sind einfach andere Dinge, mit denen man aufwächst. Ich glaube schon, dass das einen größeren Pool erzeugt, wenn man aus verschiedenen Kulturen, aus verschiedenen Sprachbereichen das Literarische aufsaugt.
Ich glaube auch, dass eine jede Sprache die man kann und nicht als Fremd-, sondern als Muttersprache erlernt, sehr prägend ist. Das macht was mit dem Gehirn, das macht was mit den Verbindungen, die man im Gehirn hat. Und man hat andere Bilder im Kopf, mehrschichtigere Bilder.
Das Gespräch führte Leonhard Schmitt